Die Traversflöte


in der Zeit von Carl Philipp Emanuel Bach
Ein Gespräch mit der Barockmusikerin Johanna Bartz
Johanna Bartz ©Philipp von Recklinghausen

Johanna Bartz, 1986 in Mecklenburg-Vorpommern geboren, hatte schon als Jugendliche ein Faible für historische Instrumente. In Berlin studierte sie zunächst Querflöte und Instrumentalpädagogik bei Prof. Annette von Stackelberg. Aufgrund ihrer Begeisterung für die Musik des Barocks entschied sie sich für ein zusätzliches Studium der Traversflöte, zunächst bei Christoph Huntgeburth an der UdK Berlin und Barthold Kuijken am Königlichen Konservatorium in Brüssel, anschliessend bei Marc Hantai und Anne Smith an der Schola Cantorum Basiliensis (Schweiz), wo sie 2015 ihren Master abgeschlossen hat. Johanna Bartz gibt regelmäßig Konzerte im In- und Ausland.

Die barocke Traversflöte besteht aus Holz, ist drei- oder vierteilig, hat ein Anblasloch und sechs Grifflöcher und ist mit nur einer Klappe am Fußstück versehen. Sie hat einen eigenwilligen, besonders warmen und weichen Klang, der sie von der modernen Querflöte unterscheidet. Auch Griffe und Blastechnik sind anders und stellen selbst für versierte Querflötenspieler eine Herausforderung dar.

Johanna, was ist das Besondere an der Barockmusik und was fasziniert Dich insbesondere an C.P.E. Bach?
Das, was wir heute so einfach als "Barockmusik" bezeichnen, ist ja eigentlich eine sehr große Vielfalt an Stilen und musikalischen Formen, die etwa zwischen 1600 und 1760 entstanden sind. Die wichtigste musikalische Gemeinsamkeit dieser Stile und das Fundament der meisten Kompositionen ist die Verwendung des Generalbasses.
C.P.E. Bach steht schon ziemlich am Ende der "Generalbasszeit" und hat mit seiner "Empfindsamkeit" eine eigene Sprache entwickelt. Einerseits verbindet er das musikalische Erbe seines Vaters, dessen Expressivität in Harmonik und melodischer Gestaltung er noch einmal zu ganz neuen Ufern führt, anderseits spielt er mit den damals modernen Formen und Ausdrucksmitteln seiner Generation.
Zu seinen Lebzeiten war er gewissermaßen "populärer" als sein Vater Johann Sebastian Bach, wurde von seinen Zeitgenossen aber auch kritisiert. Während die einen seinen musikalischen Erfindungsreichtum und seine Originalität schätzten, verurteilten andere seine Musik als gekünstelt und schwer verständlich.
An C.P.E. Bach fasziniert mich insbesondere diese Originalität, dass er eben eine völlig eigene Ideomatik entwickelt hat. Natürlich kommt es auch darauf an, für welchen Zweck und in welcher Phase seines Lebens er komponiert hat. Die Kammermusik, in der die Flöte vorkommt, ist oft unglaublich dicht und sehr expressiv. Es gibt aber auch eine sehr späte Flötensonate von ihm, die er erst 1786 für den blinden Musiker Friedrich Ludwig Dülon komponiert hat, diese Musik erklingt schon wieder in einem ganz neuen Geist, luftig, leicht und mit sehr verspielter Virtuosität.

Wie drückt sich das Spannungsfeld "Hierarchie – Höfische Galanterie – Aufklärung" in der Musik des 18. Jahrhunderts aus?
Im 18. Jahrhundert existieren noch die alten feudalistischen Strukturen, allerdings erstarkt das Bürgertum immer mehr. Aber die gesellschaftlichen Prozesse verlaufen (bis zur Französischen Revolution) natürlich schleichend, so gab es ja, wie am prominenten Beispiel Friedrichs II., auch den aufgeklärten Monarchen. In der Musik spiegeln sich diese Prozesse vielleicht am ehesten darin, dass die Musiksprache noch stark an die klassische Rhetorik angelehnt mit Codifizierungen funktioniert, ähnlich wie die höfische Galanterie: Diese Geste bedeutet dieses, dieser Blick deutet auf jenes hin… Nicht aufzuhalten sind jedoch die mit der Zeit immer stärker werdenden Tendenzen hin zu einer "natürlicheren" Kompositionsweise.

Welche Beziehung hat Dein Publikum zur Barockmusik?
Das ist ganz unterschiedlich: Manchmal spiele ich vor Menschen, die noch nie in ihrem Leben ein Konzert besucht haben, manchmal ist es ein Publikum aus Kennern und manchmal eben auch die eigenen Kollegen. Jedes Mal ist es eine andere Art von Herausforderung.
Spannend finde ich, dass, egal, ob die Leute intellektuell etwas von der Rhetorik der Musik "verstehen" oder sie eher intuitiv aufnehmen, sie doch immer berührt sind – vorausgesetzt, der Musiker vermag es so zu spielen, dass sein Publikum berührt wird...

Was ist das Besondere an der Traversflöte? Inwieweit unterscheidet sich ihr Spiel von der modernen Querflöte?
Besonders ist, dass jeder Ton eine andere Farbe hat und der Klang insgesamt flexibler und biegsamer ist. Es werden andere Spieltechniken als bei der modernen Flöte verlangt: Natürlich ist das Spielgefühl schon allein durch die fehlende Klappenmechanik ein völlig anderes, und die Griffe unterscheiden sich dadurch auch. Es sind ziemlich viele historische Quellen, also Lehrwerke, erhalten geblieben, aus denen wir auch entnehmen können, dass man damals andere Silben zum Artikulieren genutzt hat, und auch das Klangideal war, soweit wir es rekonstruieren können, ein anderes.

Du hast einen besonderen Bezug zu C.P.E. Bach, dem Sohn von Johann Sebastian Bach. Wie hast Du Dich 2014 mit Deinem Ensemble auf sein Jubiläum vorbereitet?
Wir haben ein sehr schönes musikalisches Portrait zum Geburtstag von C.P.E. Bach zusammengestellt: mit Musik von ihm selbst, u.a. zwei erst im 20. Jahrhundert wieder gefundenen Divertimenti, und Werken aus seinem musikalischen Umfeld, beispielsweise von seinem Patenonkel G.Ph. Telemann.

Das Gespräch führte Dr. Alexandra Kankeleit.

Weitere Informationen:
johannabartz.com
dianthusensemble.de
hellostage.com

Konzertprogramm zu C.P.E. Bach PDF: 350 KB
Publikation von Hans-Günter Ottenberg zu C.P.E. Bach PDF: 2.800 KB